Gendern

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Black Alice
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Re: Gendern

Beitrag von Black Alice »

Fanchen hat geschrieben: Montag 2. Februar 2026, 00:05
Evanahhan hat geschrieben: Sonntag 1. Februar 2026, 17:32An der Vehemenz, mit der von linker Seite „inklusive“ Sprache eingefordert wird, hat sich zumindest in meiner Wahrnehmung nicht viel verändert.
Ich habe eigentlich das Gefühl, dass das Thema fast tot ist. Zuletzt "aufgefallen" ist mir das glaube ich, als es die Gespräche über Verbote in Bayern und Hessen gab, das müsste so 2 Jahre her sein.
Seitdem habe ich keine größeren Diskussionen darüber mitbekommen, die Nutzung von Gendersternchen oder -doppelpunkt (der mir dann schon deutlich lieber ist) hat sich allerdings in einigen Medien normalisiert.
Das Gefühl habe ich auch. Man bekommt keine Genderstreitereien mehr mit. Nur die typischen altbekannten Dauernörgler AfD regen sich hin und wieder auf. Als ich vor Jahrzehnten studiert habe wurde schon gegendert. Damals wurden wir in Schriftstücken ohne Sternchen und dergleichen einfach als StudentInnen bezeichnet, also ein Großbuchstabe dazwischen, das die beiden Geschlechter getrennt hat. Hat die Hochschulleitung wie auch die AstA verwendet. Hat sich keiner aufgeregt und diese Sprache wurde von allen angenommen. Nun kam das so langsam in die Gesellschaft und einige ewig Gestrige regten sich auf. Nun hat sich der Sturm im Wasserglas wieder beruhigt. So wie ich es sehe wird das Gendern von dem/der verwendet der/die es verwenden will, ohne viel Aufregung (die ÖR tun das z.B.) und wenn es jemand nicht anwendet, auch nicht schlimm. Es normalisiert sich wieder.
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Graphiel
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Re: Gendern

Beitrag von Graphiel »

Immersion hat geschrieben: Montag 2. Februar 2026, 08:18 Dazu kommt, dass der Universitätsbetrieb besonders stark betroffen ist und Absolventen dann als Multiplikatoren dienen - und auch in den Fällen, in denen einzelne Professoren oder ganze Fachbereiche entsprechenden Druck ausüben: bewusst dazu gemacht werden.
Das ist ein durchaus berechtigter Punkt, allerdings würde ich hier den Fokus auf bestimmte Bereiche der Sozialwissenschaften legen, anstatt davon auszugehen das alle Bereiche der Universität gleichermaßen stark als Multiplikatoren dienen. Jemand der beispielsweise Physik studiert dürfte schließlich schon erheblich weniger zur Verbreitung beitragen, als wie jemand der direkt in den Critical (Gender) Studies tätig ist. - Womit wir direkt im Zentrum der Ideenschmiede von Sachen wie dem Gendersternchen angelangt wären. Hier gerät dann übrigens auch zum Teil das sonst eigentlich recht vernünftige Peer Review Verfahren an seine Grenzen. Denn während mit Hilfe der Mathematik im Grunde jeder befähigte Mathematiker nachrechnen kann, ob sich der werte Kollege zwei Büros weiter in ein paar Kommastellen vertan hat, so geht das im Bereich der Sozialwissenschaften nicht ganz so einfach. Nicht das die Sozialwissenschaften damit grundsätzlich wertlos wären (Das sind sie bei Leibe nicht), aber Fälle wie der Sokal Squared - auch bekannt als die Grievance Studies Affair haben offenbart, dass es im universitären Betrieb offenbar ein paar blinde Flecke gibt/gab, in denen ordentliche Qualitätsstandards zu Gunsten des gewünschten Ergebnisses vernachlässigt wurden.

Wichtig ist hierbei jedoch im Hinterkopf zu behalten, dass gerade die Sozialwissenschaften unter einem massiven Mangel an Finanzierungen leiden und somit für eine vernünftige Forschung und Auswertung oft gar nicht genug finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden. Es ist also nicht so, dass die Sozialwissenschaften grundsätzlich schlampig oder aus böser Absicht so agieren, sondern oft auch gar keine andere Wahl haben als mit zu geringen Mitteln zu arbeiten.
Immersion hat geschrieben: Montag 2. Februar 2026, 08:18 Warum ich das nun so herausstelle: da gibt es eine recht gut erkennbare, linguistische Bruchlinie zwischen Alltags- und formalen Sprachen.
Diese spezielle Bruchlinie ist historisch bemerkenswert - um nicht zu sagen: einzigartig
Och, also so einzigartig finde ich das jetzt auch wieder nicht. Der Bruch zwischen Latein als Institutionssprache und der Volkssprache oder auch dem Verschwinden der Kanzleisprache aus dem Mittelalter widersprechen dir da schon. Neu ist eher die moralische und politische Aufladung, wobei sich da beide Seiten oft nicht viel nehmen: „Sprache formt Denken“, „Nicht-Gendern schließt aus“, „Wer das ablehnt, reproduziert Diskriminierung“ (Pro-Seite) vs. „Gendern ist ideologische Gehirnwäsche“, „Gendern zerstört die deutsche Sprache“, „Gendern ist totalitär / DDR 2.0 / Orwell“ (Contra-Seite)
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Fanchen
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Re: Gendern

Beitrag von Fanchen »

Graphiel hat geschrieben: Montag 2. Februar 2026, 14:59Neu ist eher die moralische und politische Aufladung, wobei sich da beide Seiten oft nicht viel nehmen: „Sprache formt Denken“, „Nicht-Gendern schließt aus“, „Wer das ablehnt, reproduziert Diskriminierung“ (Pro-Seite) vs. „Gendern ist ideologische Gehirnwäsche“, „Gendern zerstört die deutsche Sprache“, „Gendern ist totalitär / DDR 2.0 / Orwell“ (Contra-Seite)
Ich finde die Beispiele überhaupt nicht gleichwertig. "Sprache formt Denken" ist doch weder moralisch noch politisch aufgeladen, das ist eine (grundsätzlich wissenschaftliche) Behauptung, oder etwa nicht? Ob das jetzt wirklich stimmt oder nicht, darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein. Es muss ja nicht einmal ein Arguent pro Gendern sein, mit der entsprechenden Begründung könnte es genauso als Contra-Argument genutzt werden.
Eigentlich gilt das auch für die beiden anderen Pro-Argumente: Als "Gendern schließt aus" und "Wer gendert, reproduziert Diskriminierung" wären das ja auch potenziell gültige Aussagen.

Die Contra-Argumente finde ich dagegen ziemlich inhaltsleer. Ideologische Gehirnwäsche, wenn man so will. :lol:
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Graphiel
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Re: Gendern

Beitrag von Graphiel »

Ich glaube, wir reden hier aneinander vorbei. Mir ging es nicht darum zu behaupten, dass Aussagen wie „Sprache formt Denken“ an sich unwissenschaftlich wären. Das sind sie nicht.

Mein Punkt war ein anderer: In der öffentlichen Debatte fungieren diese Aussagen selten rein deskriptiv, sondern meist als normative Brücke („deshalb solltest/musst du gendern, sonst …“). In dem Moment sind sie moralisch aufgeladen – unabhängig davon, wie neutral sie ursprünglich formuliert sind.

Dasselbe gilt umgekehrt für viele Contra-Argumente: Sie sind rhetorisch überzogen, aber ebenfalls Reaktionen auf wahrgenommene Normsetzung, selbst wenn sich diese flächendeckend gar nicht nachweisen lässt. Genau diese wechselseitige Moralisierung halte ich für problematisch.
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Re: Gendern

Beitrag von Immersion »

Graphiel hat geschrieben: Montag 2. Februar 2026, 14:59 Das ist ein durchaus berechtigter Punkt, allerdings würde ich hier den Fokus auf bestimmte Bereiche der Sozialwissenschaften legen, anstatt davon auszugehen das alle Bereiche der Universität gleichermaßen stark als Multiplikatoren dienen.
Richtig ist, dass es nicht gleichmäßig verteilt ist - falsch ist, dass es sich auf diese Teilbereiche der Sozialwissenschaften beschränkt oder auf diese konzentriert.
In mehreren Lehramtsstudiengängen scheint es schon sehr verbreitet zu sein (Verwandschaft in der Verwaltung der hiesigen Uni…). Ferner in den Geisteswissenschaften, insbesondere evangelische Theologie (zur anderen kein Kontakt) Germanistik, Kunstgeschichte etc., Psychologie
Darüber hinaus müsste ich dann spekulieren. In meinem eigenen Fachgebiet… na ja, mein eigener Studiengang findet inzwischen komplett auf Englisch statt. So kann man es natürlich auch lösen… :lol:
Oh verdammt, jetzt fällt mir diese Stellenausschreibung für einen Mathe-Lehrstuhl ein… na, die dürfte es inzwischen nicht mehr geben, die war ein Lacher der Extraklasse.

Rest: passt
SoWi bloß nicht mit dieser speziellen Untergruppe gleichsetzen! Machst Du nicht, aber auf die Idee könnte jemand anderes da kommen.
Och, also so einzigartig finde ich das jetzt auch wieder nicht.
Nein, die widersprechen mir keineswegs.
Die folgende Formulierung vermeide ich normalerweise lieber - aber da hast Du komplett nicht verstanden, was diese Bruchlinie so einzigartig macht.
Nicht, dass sie da ist. Sondern wie sie entstanden ist und wo sie verläuft.
Deine Beispiele funktionierten völlig anders - auch, weil sie nicht einmal im selben Sprachsystem existierten (mit insbesondere Französisch und Latein als Ursprung)
Dass es da ein normatives sprachliches Element gibt, dass sich in den formelleren Sprachen ausbreitet - einschließlich einer medienspezifischen, die zuvor noch alltagssprachennäher war.
Dass sich diese Sprachen mit einem gemeinsamen Element von der Alltagssprache wegbewegen ist einzigartig und ohne Präzedenzfall.

Linguistisch korrekter, wäre hier eigentlich von „Sprachregistern“ statt "Sprachen" zu sprechen (aber ein wenig orientiere ich mich dann doch an den Lesern)

@Fanchen
"Sprache formt Denken" ist doch weder moralisch noch politisch aufgeladen, das ist eine (grundsätzlich wissenschaftliche) Behauptung, oder etwa nicht?
Platt gesagt: Nein.
Es ist eine Verkürzung eines Mechanismus, den es tatsächlich gibt - der für den Zweck dieser Diskussion aber sehr stark uminterpretiert wurde. Also… ja, schon - aber der wissenschaftlich wirklich fundierte Teil besagt etwas völlig anderes.
Und würde man die tatsächlich nachgewiesenen Mechanismen einbeziehen - statt der umgedeuteten, weil die Formulierung so passend klingt - würde der ganz tief in eine Schublade verbannt.
Weiter oben bereits teilweise erläutert.
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Graphiel
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Re: Gendern

Beitrag von Graphiel »

Immersion hat geschrieben: Montag 2. Februar 2026, 18:07 Linguistisch korrekter, wäre hier eigentlich von „Sprachregistern“ statt "Sprachen" zu sprechen (aber ein wenig orientiere ich mich dann doch an den Lesern)
Die Register-Perspektive teile ich – sie macht die Sache sogar klarer.

Genau darin sehe ich aber keinen Präzedenzfall, sondern eine Verschiebung der Begründung: Auch früher haben sich formale Register gemeinsam von der Alltagssprache entfernt, allerdings aus funktionalen Gründen. Neu ist in meinen Augen weniger die registerübergreifende Normierung als vielmehr ihre moralische Legitimation und die damit verbundene Bewertung von Abweichung.

In diesem Punkt unterscheidet sich die aktuelle Entwicklung aus meiner Sicht qualitativ tatsächlich von früheren Verschiebungen – aber eben nicht so sehr strukturell, sondern vor allem dadurch, dass sie moralisch aufgeladen und damit als einzig richtig legitimiert wird. Passt in meinen Augen auch gut in das Muster zwischenmenschlicher Verhaltensweisen: Lieber irgendwas machen was unter einer streng wissenschaftlichen Betrachtung keinen Sinn ergibt, als der Blödmann zu sein der augenscheinlich Geschlechtergerechtigkeit im Weg stehen will. ;)
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Re: Gendern

Beitrag von Immersion »

Graphiel hat geschrieben: Montag 2. Februar 2026, 20:04 Genau darin sehe ich aber keinen Präzedenzfall, sondern eine Verschiebung der Begründung: Auch früher haben sich formale Register gemeinsam von der Alltagssprache entfernt, allerdings aus funktionalen Gründen. Neu ist in meinen Augen weniger die registerübergreifende Normierung als vielmehr ihre moralische Legitimation und die damit verbundene Bewertung von Abweichung.
Bei der Begründung sind wir beieinander.
Aber wann gab es schon einmal eine synchrone Bewegung mit einer zumindest ähnlichen Struktur und registerübergreifenden Abdeckung?
Die Frage ist natürlich insofern etwas unfair, weil die Rolle der Medien mit einem eigenen Register den in Frage kommenden Zeitraum sehr einschränkt - aber interessehalber nehme ich auch etwas älteres ;)
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Re: Gendern

Beitrag von Graphiel »

Immersion hat geschrieben: Montag 2. Februar 2026, 20:43 Aber wann gab es schon einmal eine synchrone Bewegung mit einer zumindest ähnlichen Struktur und registerübergreifenden Abdeckung?
Die Frage ist natürlich insofern etwas unfair, weil die Rolle der Medien mit einem eigenen Register den in Frage kommenden Zeitraum sehr einschränkt - aber interessehalber nehme ich auch etwas älteres ;)
Da würden mir als erstes Eingriffe in die Rechtschreibung einfallen. Ich kann mich beispielsweise gut daran erinnern, wie sich 1996 viele darüber aufgeregt haben, dass Wörter wie Kuss und Fluss nicht mehr mit ß, sondern mit ss geschrieben werden sollten. In der Grundschule hatte ich das zunächst anders gelernt und musste mich entsprechend umstellen. Ähnlich war es bei den Nachjustierungen wenige Jahre später, als aus Schiffahrt plötzlich Schifffahrt mit drei f wurde. Auch das wurde öffentlich kontrovers diskutiert, ebbte jedoch vergleichsweise schnell wieder ab.

Der entscheidende Unterschied zum Gendern liegt für mich darin, dass diesen Reformen keine moralische Zuschreibung folgte. Niemand galt als problematisch oder diskriminierend, nur weil er den Kuss noch gewohnheitsmäßig mit ß schrieb. Genau deshalb halte ich nicht die strukturelle Ebene, sondern die Art der Begründung – also die moralische Aufladung und Legitimation – für den entscheidenden Faktor, der das Gendern von früheren sprachlichen Normverschiebungen unterscheidet.
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Re: Gendern

Beitrag von Immersion »

Graphiel hat geschrieben: Montag 2. Februar 2026, 21:20 Da würden mir als erstes Eingriffe in die Rechtschreibung einfallen.
Ich dachte mir, dass Du darauf hinaus willst - und da fehlt der strukturelle Aspekt, dass es universell war. Und sich - trotz einer gewissen Unverbindlichkeit - NICHT nur auf bestimmte Register beschränkte.
Der entscheidende Unterschied zum Gendern liegt für mich darin, dass diesen Reformen keine moralische Zuschreibung folgte. Niemand galt als problematisch oder diskriminierend, nur weil er den Kuss noch gewohnheitsmäßig mit ß schrieb. Genau deshalb halte ich nicht die strukturelle Ebene, sondern die Art der Begründung – also die moralische Aufladung und Legitimation – für den entscheidenden Faktor, der das Gendern von früheren sprachlichen Normverschiebungen unterscheidet.
Die zweite - moralische Konnotation - kommt noch dazu. Aber moralisch aufgeladene, (politisch) gesteuerte Sprache ist nicht einzigartig. Das gab es mehrfach in Deutschland (NS-Zeit, DDR), mehrfach in Frankreich (Revolution, Vichy-Regime), in der Sowjetunion, China…
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Re: Gendern

Beitrag von Graphiel »

Niemand behauptet, dass eine moralisch oder politisch motivierte Sprachlenkung historisch einzigartig sei. Natürlich gab es solche Phänomene – insbesondere in autoritären Kontexten.

Mein Punkt bezieht sich enger auf die linguistische und gesellschaftliche Konstellation: eine demokratische, formal freiwillige, aber moralisch stark legitimierte Normsetzung, die nicht primär über rechtliche Verbindlichkeit, sondern über soziale Bewertung von Abweichung wirkt. Gerade im Vergleich zur Rechtschreibreform – die universell, staatlich gesetzt und dennoch weitgehend ohne individuelle Moralisierung durchgesetzt wurde – erscheint mir weniger die strukturelle Reichweite als vielmehr der Begründungs- und Sanktionsmodus entscheidend.
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