@Graphiel
Ok, dieser spezielle Aspekt könnte auch zumindest extrem selten - oder einzigartig - sein.
Bei der Sektorenabdeckung bleibe ich bei der Einzigartigkeit. Da hast Du noch nichts angeführt, was mich überzeugt.
Gendern
-
Immersion
- Bestätigtes Mitglied
- Beiträge: 161
- Registriert: Donnerstag 18. Dezember 2025, 16:40
- Wohnort: Rheinland
- Gender:
- Alter: 48
-
Graphiel
- Bestätigtes Mitglied
- Beiträge: 638
- Registriert: Dienstag 30. Oktober 2018, 16:47
- Wohnort: Bielefeld
- Beziehungsstatus: Single
- Gender:
- Alter: 42
Re: Gendern
Fair enough – bei dem moralischen Aspekt sind wir uns dann zumindest näher.
Bei der Sektorenabdeckung würde ich unterscheiden zwischen linguistischer Struktur und gesellschaftlicher Reichweite. Dass sich eine Norm heute sektorübergreifend durchsetzt, halte ich weniger für ein sprachliches Novum als für eine Folge veränderter Kommunikations- und Medienstrukturen, so wie du es selbst schon angemerkt hattest.
Früher existierten diese Sektoren deutlich stärker voneinander getrennt, sowohl kommunikativ als auch institutionell. Entsprechend konnten sich sprachliche Normen auch nur fragmentiert verbreiten. Heute sind Wissenschaft, Medien, Verwaltung und Bildung wesentlich enger verschränkt – was eine synchronere Ausbreitung begünstigt, ohne dass der zugrunde liegende Mechanismus neu sein muss.
In diesem Sinne würde ich eher von einer Skalierung und Beschleunigung bekannter Prozesse sprechen als von einem genuin neuen linguistischen Phänomen.
Bei der Sektorenabdeckung würde ich unterscheiden zwischen linguistischer Struktur und gesellschaftlicher Reichweite. Dass sich eine Norm heute sektorübergreifend durchsetzt, halte ich weniger für ein sprachliches Novum als für eine Folge veränderter Kommunikations- und Medienstrukturen, so wie du es selbst schon angemerkt hattest.
Früher existierten diese Sektoren deutlich stärker voneinander getrennt, sowohl kommunikativ als auch institutionell. Entsprechend konnten sich sprachliche Normen auch nur fragmentiert verbreiten. Heute sind Wissenschaft, Medien, Verwaltung und Bildung wesentlich enger verschränkt – was eine synchronere Ausbreitung begünstigt, ohne dass der zugrunde liegende Mechanismus neu sein muss.
In diesem Sinne würde ich eher von einer Skalierung und Beschleunigung bekannter Prozesse sprechen als von einem genuin neuen linguistischen Phänomen.
"Sowas kann doch nur Leuten einfallen, die in Assoziationsspielchen neben Hund, Katze und Maus auf "Hmm.... Schwingschleifer!" kommen, oder?" - Barlow
-
Immersion
- Bestätigtes Mitglied
- Beiträge: 161
- Registriert: Donnerstag 18. Dezember 2025, 16:40
- Wohnort: Rheinland
- Gender:
- Alter: 48
Re: Gendern
Ich denke schon.Graphiel hat geschrieben: ↑Dienstag 3. Februar 2026, 07:34 Früher existierten diese Sektoren deutlich stärker voneinander getrennt, sowohl kommunikativ als auch institutionell. Entsprechend konnten sich sprachliche Normen auch nur fragmentiert verbreiten. Heute sind Wissenschaft, Medien, Verwaltung und Bildung wesentlich enger verschränkt – was eine synchronere Ausbreitung begünstigt, ohne dass der zugrunde liegende Mechanismus neu sein muss.
In diesem Sinne würde ich eher von einer Skalierung und Beschleunigung bekannter Prozesse sprechen als von einem genuin neuen linguistischen Phänomen.
Selbst dann, wenn Deine Erklärung der einzige Faktor wäre - aber auch da bin ich anderer Ansicht.
Das mit der Vernetzung - oder Verflechtung - hat seit z.B. der französischen Revolution fraglos zugenommen. Da war die Abgrenzung - oder Isolation - der Sektoren noch stärker, aber im 20. Jh waren dann allgemeine Sprachstandards Usus. Das ist letztlich das, was Du beschreibst.
Aber hier haben wir es eben nicht mit einer zentralen Änderung des Standards zu tun, die synchron in allen Sektoren wirkt - sondern mit einer synchronen Entwicklung in mehreren - aber nicht allen Sektoren. Und nicht wirklich zentral gesteuert (was sich nebenbei auch im Wildwuchs äußert - aber die Idee mit ihren Erscheinungsformen taucht da überall auf.
Nahezu vollständig in der öffentlichen Kommunikation (abzüglich etwas Rauschen) - und praktisch überhaupt nicht in der Alltagssprache (zuzüglich etwas Rauschen).
DAS ist neu.
Eine Entwicklung in EINEM Sektor? Alter Hut
Eine Entwicklung in allen Sektoren? Zentral gesteuert auch nichts neues.
Eine Entwicklung synchron in mehreren - und dabei praktisch in der gesamten öffentlichen, NICHT aber der Alltagssprache?
Fragt sich noch, was gewesen wäre, wenn der Duden neutral und deskriptiv geblieben wäre. Mein Bauchgefühl sagt gerade, dass dieses Manöver die zu diesem Zeitpunkt bereits erfolgte Verbreitung (ob nun erfolgreich und akzeptiert oder nicht) lediglich der nachträglichen Legitimierung diente.
-
Graphiel
- Bestätigtes Mitglied
- Beiträge: 638
- Registriert: Dienstag 30. Oktober 2018, 16:47
- Wohnort: Bielefeld
- Beziehungsstatus: Single
- Gender:
- Alter: 42
Re: Gendern
@Immersion
Was du beschreibst – synchrone, sektorübergreifende, nicht zentral gesteuerte Verbreitung bei gleichzeitiger Trennung von öffentlicher Kommunikation und Alltagssprache – halte ich für eine durchaus zutreffende Beschreibung der aktuellen Situation.
Mein Einwand richtet sich nicht gegen diese Beschreibung, sondern dagegen, sie primär als linguistische Einzigartigkeit zu lesen. Für mich erklärt sich dieses Muster vor allem aus moderner Medien- und Institutionsverflechtung sowie aus einer moralisch legitimierten Normdurchsetzung, weniger aus einem strukturell neuen Sprachwandelmechanismus. Insofern würde ich sagen: Außergewöhnliche Konstellation, ja – eine ganz neue Art von Sprachentwicklung im engeren Sinne eher nein. Hier scheinen wir schlicht unterschiedliche Gewichtungen vorzunehmen.
Was du beschreibst – synchrone, sektorübergreifende, nicht zentral gesteuerte Verbreitung bei gleichzeitiger Trennung von öffentlicher Kommunikation und Alltagssprache – halte ich für eine durchaus zutreffende Beschreibung der aktuellen Situation.
Mein Einwand richtet sich nicht gegen diese Beschreibung, sondern dagegen, sie primär als linguistische Einzigartigkeit zu lesen. Für mich erklärt sich dieses Muster vor allem aus moderner Medien- und Institutionsverflechtung sowie aus einer moralisch legitimierten Normdurchsetzung, weniger aus einem strukturell neuen Sprachwandelmechanismus. Insofern würde ich sagen: Außergewöhnliche Konstellation, ja – eine ganz neue Art von Sprachentwicklung im engeren Sinne eher nein. Hier scheinen wir schlicht unterschiedliche Gewichtungen vorzunehmen.
"Sowas kann doch nur Leuten einfallen, die in Assoziationsspielchen neben Hund, Katze und Maus auf "Hmm.... Schwingschleifer!" kommen, oder?" - Barlow
-
Immersion
- Bestätigtes Mitglied
- Beiträge: 161
- Registriert: Donnerstag 18. Dezember 2025, 16:40
- Wohnort: Rheinland
- Gender:
- Alter: 48
Re: Gendern
Wird langsamGraphiel hat geschrieben: ↑Dienstag 3. Februar 2026, 16:32 @Immersion
Was du beschreibst – synchrone, sektorübergreifende, nicht zentral gesteuerte Verbreitung bei gleichzeitiger Trennung von öffentlicher Kommunikation und Alltagssprache – halte ich für eine durchaus zutreffende Beschreibung der aktuellen Situation.
Mein Einwand richtet sich nicht gegen diese Beschreibung, sondern dagegen, sie primär als linguistische Einzigartigkeit zu lesen. Für mich erklärt sich dieses Muster vor allem aus moderner Medien- und Institutionsverflechtung sowie aus einer moralisch legitimierten Normdurchsetzung, weniger aus einem strukturell neuen Sprachwandelmechanismus. Insofern würde ich sagen: Außergewöhnliche Konstellation, ja – eine ganz neue Art von Sprachentwicklung im engeren Sinne eher nein. Hier scheinen wir schlicht unterschiedliche Gewichtungen vorzunehmen.
Was jetzt noch fehlt, ist nicht nur die Symptomatik - also diese spezielle Konstellation - sondern die Natur der ihr zugrunde liegenden Verbreitungsmechanik.
Wo kommt es her?
Auf wechem Weg verbreitet es sich?
Warum taucht es dort auf?
Bisher habe ich da drei typische Mechanismen auf dem Schirm:
Zentral gesteuert (Top-Down)
Bottom-up
Aus einem Sektor heraus in einen oder mehrere andere
Das ähnelt jetzt dem letzten - aber bislang war das bei diesem Muster eher auf einzelne Begriffe beschränkt und eher praktischer Natur.
Das hier ist sprachsystematisch - und das ist für diesen dritten Mechanismus völlig untypisch
-
Graphiel
- Bestätigtes Mitglied
- Beiträge: 638
- Registriert: Dienstag 30. Oktober 2018, 16:47
- Wohnort: Bielefeld
- Beziehungsstatus: Single
- Gender:
- Alter: 42
Re: Gendern
Ich glaube jedoch, wir nähern uns hier langsam einem Punkt abnehmenden Erkenntnisgewinns an. Man kann die Konstellation sicher noch weiter aufdröseln und immer neue Einflussfaktoren identifizieren – aber ab einem gewissen Detaillierungsgrad wird „Einzigartigkeit“ vor allem eine Frage der Definitionsschärfe.Immersion hat geschrieben: ↑Dienstag 3. Februar 2026, 17:31 Bisher habe ich da drei typische Mechanismen auf dem Schirm:
Zentral gesteuert (Top-Down)
Bottom-up
Aus einem Sektor heraus in einen oder mehrere andere
Das ähnelt jetzt dem letzten - aber bislang war das bei diesem Muster eher auf einzelne Begriffe beschränkt und eher praktischer Natur.
Das hier ist sprachsystematisch - und das ist für diesen dritten Mechanismus völlig untypisch
Für mich reicht ehrlicherweise die Erklärung über bekannte Mechanismen (Normsetzung, institutionelle Nachahmung, moralische Legitimation, mediale Verstärkung) aus, um das Phänomen hinreichend zu verstehen. Meine Gewichtung liegt hierbei (das hatte ich ja schon erläutert) auf der moralischen Aufladung, die unter der beschriebenen Konstellation psychologisch bekannte Mechanismen wie das Schuld-Gefühl triggert. Also dem Gefühl sich schuldig im Sinne der Geschlechterungerechtigkeit zu machen, indem bestimmte, "progressive" Konzepte nicht reproduziert sondern hinterfragt, wenn nicht sogar (argumentativ begründet!) abgelehnt werden.
"Sowas kann doch nur Leuten einfallen, die in Assoziationsspielchen neben Hund, Katze und Maus auf "Hmm.... Schwingschleifer!" kommen, oder?" - Barlow
