Tja, Herr Hauptmann… Die heroischen Zeiten sind längst vorbei. Der Feind steht nicht mehr vor mir, er sitzt hunderte Kilometer entfernt in einem Bunker und schickt Drohnen, Raketen und wenn das nicht ausreicht, Massenvernichtungswaffen.
Worum geht es beim Wehrdienst wirklich?
Es geht darum, jungen Männern die Würde zu nehmen, sie zu erniedrigen, sie zu namenlosen Kanonenfutter zu machen. Mit militärischen Drillmethoden des vorletzten Jahrhunderts sollen sie dazu erzogen werden, für eine höchst ungewisse Zukunft zu kämpfen. Sie sollen ihr „Vaterland“ verteidigen, ein von Korruption durchseuchtes allmählich zerfallendes Scheindemokratie-Gebilde und sie sollen notfalls bereitwillig ihr Leben für dieses „Vaterland“ opfern.
Im Extremfall in einem Krieg, den am Ende niemand gewinnt.
Das junge Männer diesem grotesken Konzept nichts abgewinnen können, wundert mich nicht.
Ich habe Zivildienst gemacht und ich würde es immer wieder tun.
Nicht für „Gott“ oder „Vaterland“.
Sondern für die Menschen.
Hinzugefügt nach 33 Minuten 24 Sekunden:
Ich weiß nicht, wie es heutzutage ist, meine Zivildienstzeit war Ende der 90er Jahre.
Damals wurden Zivildiener verächtlich als Feiglinge, Drückeberger und Weicheier angesehen.
Teilweise sogar von den Bewohnern des Altenheims, in dem ich 14 Monate lang für einen Hungerlohn
als Hilfskraft arbeiten musste.
Pfft.
Ein echter Kerl geht zum Bund! Dort lernt man Heldentaten, wie rauchen und saufen und kann kostenlos nen LKW-Führerschein machen.
Zivildiener hingegen müssen alten Leuten den Po abwischen, haha.
Ähm. Nein, musste ich nie - dafür hatte das Seniorenheim die vermutlich genau so mies bezahlten kroatischen Pflegehelferinnen.
Ich habe Mahlzeiten ausgeteilt, ich hatte Küchendienst (eine riesige Spülmaschine bedienen, Lebensmittellieferungen in die Kühlräume einlagern),
ich habe Stundenlang an einer Müllpresse gearbeitet, im Winter Schnee geschaufelt und gestreut, ich hab den Dachboden aufgeräumt, Zimmer von
Verstorbenen renoviert und für die nächsten Bewohner hergerichtet, ich hab Besorgungen erledigt, die Bewohner zum Arzt begleitet oder "ausgebüxte"
leicht demente Bewohner, die irgendwo in der Kleinstadt herumgeirrt sind wieder "eingefangen" ...
Wir waren 3 (zeitweise 4) Zivildiener und direkt den Hausmeistern unterstellt, die uns viele wertvolle handwerkliche Fähigkeiten beigebracht haben.
Und wenn es mal nichts zu tun gab, haben wir im Zivi-Quartier so manche Party gefeiert oder mit den Azubinen geflirtet ...
Manche Bewohner waren sehr nett und dankbar, manche waren wie gesagt dement ("Sind Sie von der Wehrmacht abkommandiert??")
und einige waren natürlich auch einfach Arschlöcher ("Unter Adolf hätte es SOWAS nicht gegeben!")
Dito beim Personal, einige wenige haben uns wie Sklaven behandelt, aber die meisten waren froh, Zivildiener im Haus zu haben.
Natürlich gab es auch Schattenseiten: Ich war faktisch pleite, weil der lächerliche Sold meine monatlichen Kosten nicht einmal ansatzweise gedeckt hat.
Außerdem wurde das Altenheim von den 7-Tags-Adventisten geführt - ich hab diese religiöse Vereinigung immer als eine Art Untergruppe der Zeugen Jehovas
betrachtet. Als Atheist und Agnostiker war das für mich zuweilen bizarr und manchmal auch schwierig.
Besonders skurril war der Hausinterne Bibelunterricht, der als Ersatz zum zur Zivildienstschule erfolgen sollte. Jeder Zivi musste eine gewisse Zeit (waren es
2 Wochen oder 4 Wochen am Stück, bin mir nicht sicher) eine zentrale Zivildienstschule besuchen und stand folglich in dieser Zeit nicht als kostenlose Arbeitskraft
zur Verfügung. Die Einrichtung konnte ersatzweise einen eigenen Unterricht anbieten - damit war aber GANZ SICHER keine religiöse Indoktrination gemeint.
Ich hab mir die Show also eine halbe Stunde angesehen und bin dann zum Heimleiter gegangen und habe ihn vor die Wahl gestellt, entweder die Teilnahmebescheinigung
für das Kreiswehrersatzamt zu unterschreiben oder ich gehe zu dieser Schule (die am Arsch der Welt lag). Außerdem würde ich mal beim Dachverband nachfragen, ob
diese Form von Ersatzunterricht überhaupt zulässig ist... er hat unterschrieben
